Gesprächsabend mit Anselm Grün

Am 4. Februar wurde im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung des Vereins Palliative Care und christliche Verantwortung ein Gespräch zwischen Pater Anselm Grün und Martina Holder, Pfarrerin der Dorfkirche, gezeigt. Das Gespräch wurde im Sommer 2021 in Münster Schwarzach auf Video aufgenommen. Thema war, was Hoffnung geben kann in Krankheit und Sterben.

Anselm Grün wurde 1945 geboren und trat nach der Abitur 1964 ins Kloster ein. Er studierte Theologie und später noch Betriebswirtschaft, da er den grossen Klosterbetrieb administrativ leitete.
Als einen Grundpfeiler seiner Spiritualität, die auch von der Psychologie C. G. Jungs beeinflusst ist, bezeichnet er die Einsicht, dass man sich nicht an sich selbst vorbei hin zu Gott „schwindeln“ kann. Selbstbegegnung und Gottesbegegnung bedingten und bereicherten einander. Für ihn war es wichtig, Menschen für diese Wege zu öffnen und auch Formen der Meditation zu entwickeln, die helfen, Gottes Liebe zu entdecken. Dazu schrieb er über 300 Bücher und hält auch mit seinen bald 77 Jahren noch durchschnittlich 200 Vorträge pro Jahr.

 

Auszüge aus Interview und Fragenbeantwortung

Was gibt Ihnen Hoffnung?

Dass ich – ganz gleich, wie es mir geht – in Gottes Hand bin, dass ich nicht aus der Hand dieses liebenden Gottes fallen kann, und dass ich meinem Leid, meinem Schmerz – auch am Lebensende – noch einen Sinn gebe, es gewissermassen verwandle. Wie ich sterbe, das gräbt ja auch eine Lebensspur ein in diese Welt.
Gerade wenn ich Sterbende begleite, spüre ich, da ist etwas Heiliges in ihnen. Wenn wir ein Gespür haben für das Heilige im Andern und in uns, dann wird auch unser Miteinander verwandelt.

Was meinen Sie mit «verwandeln»?

Viele Menschen versuchen ständig, sich zu verändern. Verändern ist etwas Aggressives.

Verwandeln heisst, wenn ich mein Leiden und Sterben akzeptiere, annehme – dann kann es auch verwandelt werden. Das Ziel der Veränderung ist, ein anderer zu werden. Das Ziel der Verwandlung ist, immer mehr mich selber zu werden. Dazu werte ich nicht, auch nicht, ob ich mein Leiden gut bewältigen kann oder nicht. Es ist so, wie es ist. Und ich vertraue darauf, dass Gott mein Leiden verwandelt in Segen für mich, aber auch für die Menschen in meiner Umgebung.

Und wenn Menschen dieses Gottvertrauen nicht haben, sondern nur noch verbittert sind?

Es gibt Augenblicke der Leere. Aber dann ist für mich wichtig, dass ich mich mit dieser Leere Gott hinhalte. Auch wenn ich noch nichts spüre, hoffe ich, dass seine Liebe in diese Leere strömt. Dann spüre ich in meiner Leere die Sehnsucht nach Gott. Und in der Sehnsucht nach Gott ist Gott schon in mir.

Wenn ein Mensch verbittert ist, würde ich ihm zuerst Raum geben, ihn über sich erzählen lassen. Dann frage ich: Welche Spur möchten Sie jetzt eingraben in diese Welt? Wollen Sie für den Rest Ihres Lebens eine Spur der Bitterkeit eingraben oder eine Spur von Geduld, von Hoffnung und Liebe? Ob er dazu bereit ist, das ist nicht mehr meine Verantwortung.

 

Was ist denn der Plan Gottes mit den Menschen?

Gottes Plan mit dem Menschen ist, dass jeder das einmalige Bild verwirklicht, das Gott sich von ihm gemacht hat. Und der Plan Gottes ist, dass jeder Mensch in sich hineinhört, zu welcher Aufgabe Gott ihn sendet. Jeder hat einen Auftrag, diese Welt im Geiste Jesu mitzugestalten.

In sich hinein hören – können Sie noch etwas sagen zur christlichen Meditation?

Wir haben in der christlichen Spiritualität ja eine reiche Tradition, z.B. das Jesus-Gebet oder Herzensgebet, wie die Ostkirche es nennt. Da sitze ich still und bete beim Einatmen «Jesus Christus» und beim Ausatmen «Sohn Gottes, erbarme dich meiner». Das ist etwas anderes als die buddhistische Zen-Meditation. Dort geht es um Leere. Beim Jesus-Gebet geht es um Liebe, dass die Liebe in den Schmerz, das Leid, die Bitterkeit hinein strömt, aber auch zu den Menschen. Die Liebe ist schon in uns, und wenn wir die ausstrahlen lassen, dann tut es auch uns gut.

Walter Meili

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